Kennt ihr schon Snoezeln?

Heute stellt euch unsere Kollegin Maria Haaß aus der Kinderversorgung ein ganz besonderes Thema vor und gibt wertvolle Tipps zur Umsetzung und Förderung eures Kindes.

Was ist Snoezelen?

Snoezelen ist ein Phantasiewort, welches sich aus den holländischen Wörtern „snuffelen“ (schüffeln, schnuppern) und „doselen“ (dösen, schlummern) zusammensetzt, wobei „snuffelen“ für alle Sinne (sehen, hören, riechen, fühlen, schmecken) und „doeselen“ für unsere emotionalen Sinneserfahrungen (sich geborgen fühlen, schmusen, Körperkontakt) stehen. Diesen beiden Komponenten kommt bei der in den Niederlanden entwickelten Therapieform und Freizeitgestaltung große Bedeutung zu. Das Richtziel hierbei ist, einen sicheren Raum zu schaffen, um grundlegende Fähigkeiten und Fertigkeiten, wie Selbst- und Fremdwahrnehmung, Selbstregulierung, Entspannungsfähigkeiten oder auch Kontaktfähigkeit zu ermöglichen und zu fördern, welche aufgrund der Einschränkungen der betroffenen Person in einem anderen Setting (z.B. Kita-Raum, normaler Therapieraum) nicht ausgeübt werden können.

Um dies zu illustrieren hier ein Beispiel: Kiara ist vier Jahre alt, fast blind, fast taub, wird über PEG-Sonde ernährt und ist im normalen Kita-Alltag oft sehr angespannt, knirscht mit den Zähnen, sucht propriozeptiven Input durch ständiges Hin- und Herschaukeln und Verdrehen der Extremitäten und zeigt keine sichtbaren Reaktionen auf (taktile) Ansprache. Dies bessert sich ein wenig, wenn sie in Einzeltherapie und im abgedunkelten Snoezelraum ist. Dort ist sie ruhiger, knirscht weniger mit den Zähnen und folgt sogar mit ihren Augen Lichtpunkten. Im normalen Kita-Alltag strömen so viele diffuse Reize auf Kiara ein, dass es ihr nicht möglich ist, diese zu sortieren und adäquat zu reagieren. Im Snoezelraum befindet sie sich allerdings in einem sicheren Raum, der ihr ermöglicht, sich zu entspannen und sich auf einen Reiz zu fokussieren.

Für welche Personengruppen ist Snoezelen geeignet?

Grundsätzliche für alle Personen, deren Wahrnehmungsverarbeitung im normalen Setting überfordert ist. Dies betrifft das Kind mit schwerst-mehrfacher Einschränkung, die an Demenz erkrankte Oma, sowie den an Depression leidenden Geschäftsmann.

Welche Anwendungsformen von Snoezelen gibt es?

Zum einen Snoezelen als Therapieanwendung, zur gezielten Förderung einzelner Fähigkeiten. Dies sollte nur durch geschultes Personal (Therapeuten, Erzieher, Pflegekräfte, etc.) oder durch Laien nach gezielter Anleitung und unter ständiger Rücksprache mit geschultem Personal erfolgen, da es leicht zu kontraproduktiver Zielsetzung kommen kann.

Zum anderen gibt es Snoezelen als Freizeitanwendung, z.B. als Alternative zum mit Reizen überladenen Kinobesuch. Dabei ist der Leitspruch „Niets moet, alles mag“ -> „Nichts muss gemacht werden, alles ist erlaubt“ zu befolgen und natürlich auch zu bedenken, dass es nicht die einzige Alternative sein sollte und dass auch Menschen mit Einschränkungen ein Recht auf Teilhabe am allgemeinen Leben haben und man ihnen dieses nicht aufgrund von Bequemlichkeit nehmen darf.

Wie sieht ein Snoezelraum aus?

Ein Snoezelraum ist idealerweise gut belüftet, ruhig und auf die Anzahl der Benutzer angepasst (bestenfalls nur Betreuer und Klient), so dass nicht das Gefühl von Enge oder unendlicher Weite entsteht. Zudem ist er meist komplett weiß gehalten (Wände, Decke, Boden, Kissen, Betten) und auf den ersten Blick nur spärlich eingerichtet (Zubehör, etc. wird in Schränken verstaut oder von draußen mitgenommen) um ein gezieltes Reizklima zu schaffen (weitere Infos dazu findet ihr hier…). Bei der Einrichtung kann man gezielt auf folgende Themenbereiche eingehen:

  • Auditorische Reize (Hören: Musik, verschiedene Lautsprecher [z.B. im Wasserbett], Körpertambura [eine Liege, die gleichzeitig ein Klangkörper für ein Seiteninstrument ist])
  • Vestibuläre + propriozeptive Reize (Körperbewegungswahrnehmung: z.B. Wasserbett, Schaukel, Wiege, Hängematte, aber auch z.B. Musik, die das Wasserbett in Schwingung versetzt)
  • Taktile Reize (Fühlen: Spielzeug / Massagewerkzeug in verschiedenen Formen)
  • Visuelle Reize (Sehen: Licht, Bilder, ACHTUNG: zuvor abklären, ob ein epileptischer Anfall ausgelöst werden kann!)
  • Olfaktorische Reize (Riechen: verschiedene Gerüche, z.B. Duftkerzen, Luftbefeuchter, Duftöle -> auf gute Belüftung ist zu achten)
  • Gustatorische Reize (Schmecken, viele Kinder essen aufgrund einer PEG nicht durch den Mund, dieser spielt aber eine sehr große Rolle in der Entwicklung: z.B. Apfel- / Tomatenstück in Gaze gewickelt im Mund kauen lassen, Saft / Gurkenessig in einer Pipette, auf aspiratorische Problematiken und Allergien ist zu achten!)
  • Pränataler Bereich für sehr schwer Betroffene oder Frühchen bis nach ein paar Jahren nach der Geburt (Raum ist in sanften Rottönen gehalten, Wasserbett, rote Tücher, tiefer, langsamer Trommelrythmus, der das Wasserbett in Schwingung versetzt, das alles soll die Situation im Mutterbauch simulieren und Sicherheit vermitteln)

Weitere Anregungen können auf der Website der Deutschen Snoezelen-Stiftung gefunden werden. Diese helfen auch gerne bei der Auswahl der richtigen Medien und Geräte.

Wie wird richtig gesnoezelt?

Snoezelen erfolgt immer mindestens zu zweit, der Begleiter und der zu Begleitende. Klienten werden nie im Raum allein gelassen oder „geparkt“ um Zeit zu überbrücken. Der Erfolg einer guten Snoezeleinheit liegt zum einen in einer guten Vorbereitung, zum anderen in der Kreativität und der Spontaneität des Begleiters oder der Begleiterin.

Vorbereitung: Der Raum wird gut durchgelüftet, um etwaige stickige Luft oder noch vorhandene Gerüche zu entfernen. Der Begleiter überlegt sich im Vorfeld, welche Reize angeboten werden sollen und somit auch, ob ein therapeutisches Ziel oder eine gezielte Freizeitgestaltung angestrebt ist. Alle benötigten Gerätschaften werden im Raum gerichtet.

Durchführung: Der Klient wird in den Raum gebracht und auf einer Liege/Sandsack/Wasserbett, etc. gelagert. Der Raum wird, bei Bedarf, langsam abgedunkelt und der erste Reiz (z.B. Musik) wird langsam eingestellt. Hierbei sollten plötzliche, starke Reizimpulse (z.B. Musik sofort ganz laut) offensichtlich vermieden werden. Insgesamt sollte ein Controlled Sensory Environment entstehen, also eine Umgebung mit gezielten, kontrollierten sensorischen Reizen. Zu Ende der Einheit lässt man den Reiz langsam ausklingen (z.B. Massageball wird mit immer weniger Druck aufgesetzt), das Licht wird langsam wieder heller gemacht, der Klient wird wieder in seinen Rollstuhl gelagert und hinausbegleitet.

Nachbereitung: Nach dem Aufräumen und Lüften des Raumes wird die Durchführung evaluiert. Welche Ziele wurden mit welchem Erfolg umgesetzt? Welchen Reizen hat sich der Klient zugewandt? Bei welchen hat er negative Körpereaktionen (schwitzen, Anspannung, …) gezeigt? Was war ähnlich/was war anders zur letzten Snoezelanwendung? Was soll das nächste Mal anders gemacht werden?

Kann ich auch zu Hause mit meinem Kind snoezelen?

JA! Allerdings solltet ihr die oben erwähnten Grundregeln beachten. Lasst euer Kind nie allein, eine gute Snoezeleinheit basiert auf einer guten Beziehung zwischen Kind und Begleitperson und dem ständigen Gefühl von Geborgenheit. Haltet Rücksprache mit den Therapeuten und Betreuern eures Kindes. Diese haben oft gute Tipps und Tricks, zum einen für die Gestaltung, zum anderen für die Durchführung des Snoezelns. Beachtet, dass ihr euer Kind zwar gut kennt, es aber trotzdem das Recht auf neue Erfahrungen hat, auch bei Kindern mit schweren Behinderungen können sich Vorlieben und Bedürfnisse ändern.

Lasst euch von einigen der verlinkten Quellenangaben inspirieren und gebt eurem Kind regelmäßig die Möglichkeit, neue Erfahrungen (z.B. neue Gerüche, Musikrichtungen, Farben) zu machen und erfreut euch daran, wenn euer Kind eine eigenständige Persönlichkeit entwickelt und ihr gemeinsam mit eurem Kind neue Fähigkeiten entdeckt.

Zuletzt die Frage: Wenn Snoezelen solche Vorzüge hat, kann ich mein Kind dann nicht den ganzen Tag in einer snoezelähnlichen Atmosphäre lagern?

Nein, denn damit würde man die Interaktion und Teilhabe des Kindes mit anderen extrem limitieren und somit auch den sensorischen Input vermindern. Dies führt über längere Sicht zur sensorischen Deprivation und zu schwerwiegenden Folgeschäden.

Als Fazit gilt: Durch eine gut vorbereitete, gezielte Snoezeleinheit kann dem Betroffenen große Freude bereitet werden und ungeahnte Fähigkeiten können aufgedeckt werden.

Die Autorin
Maria Haaß
Ergotherapeutin | RehaKind Beraterin